Die Linke, Bibliotheken und E-Books

Dieser Beitrag ist ein erster Entwurf für die „Kommentare zum Literaturbetrieb in Zeiten der Digitalisierung“. Den Text als EPUB herunterladen oder via PDF ausdrucken (siehe auch den Quelltext). Copyright (C) 2015 Stephan Kreutzer, lizenziert unter der GNU Affero General Public License 3 or, at your option, any later version.

Die Bundestagsfraktion Die Linke hat einen Antrag mit dem Titel „Verleihbarkeit digitaler Medien entsprechend analoger Werke in Öffentlichen Bibliotheken sicherstellen“ in Vorbereitung, der mehr Fragen aufwirft als Lösungen bietet. Die Annahme, dass man immaterielle Güter und materielle Güter gleich behandeln könne, ist aber grundverkehrt und leider typisch für die prä- und undigitale Urheberrechtsgesetzgebung unserer Tage.

Der Erschöpfungsgrundsatz als Ausnahme im Urheberrecht setzt sich damit auseinander, dass ein materieller Gegenstand auch einen immateriellen Anteil hat, welcher beim Buch aus reinem Text, Illustrationen und dem Layout besteht. Er schränkt die Rechte des Rechteverwerters ein zugunsten der Rechte des Eigentümers des Gegenstandes, damit der Rechteverwerter den Eigentümer des Gegenstandes nicht daran hindern kann, den Gegenstand beispielsweise weiterzuverkaufen, Materialgüterrecht sticht hier Immaterialgüterrecht. Der Gesetzgeber erkennt an, dass sich solche Weiterverkäufe der Kontrolle und des Einflusses des Rechteverwerters gänzlich entziehen. Der Rechteverwerter wird dafür nicht kompensiert, sondern hat beim Erstverkauf den Preis so festzulegen, dass die potentiellen Ausfälle durch Weiterverkauf mit abgedeckt werden, während der Erstkäufer bei erhöhtem Preis einen Teil davon beim Weiterverkauf wiedererhält. Weil beim Verleih der Gegenstand wieder zum Verleiher zurückkehrt und erneut verliehen werden kann, der Gegenstand also einem bereiteren Nutzerkreis zur Verfügung gestellt werden kann als beim Weiterverkauf, gibt es besondere Regelungen für die Anwendung des Erschöpfungsgrundsatzes seitens öffentlicher Bibliotheken. Die Öffentlichkeit bezahlt einen gewissen höheren Betrag dafür, dass das Buch verliehen werden darf, der Anspruch auf Kompensation der potentiellen Einnahmeausfälle infolge des Verleihs werden damit abgegolten.

Wenn jetzt der Erschöpfungsgrundsatz in Form einer Ausnahme für den Verleih von E-Books durch öffentliche Bibliotheken eingeführt werden soll, müsste man die prinzipielle Gegenständlichkeit von E-Books annehmen, sodass die öffentliche Bibliothek Eigentümerin des E-Books werden würde und nicht mehr nur Lizenznehmer. So ein Präsedenzfall wäre freilich auch übertragbar auf andere digitale Güter wie Software, Online-Webseiten, Datenbankwerke, Musikdateien und so weiter (man denke an die Urteile zum Widerrufsrecht bei E-Books und die Rechtmäßigkeit des Weiterverkaufs von Einzellizenzen bei Software-Volumenlizenz-Verträgen, die in diese Richtung deuten), ebenso bräuchte diese Annahme auch nicht auf öffentliche Bibliotheken beschränkt bleiben, sondern könnte den Weg weisen für ein Eigentumsrecht der Leser und Nutzer. Im Allgemeinen haben sich die Rechteverwerter bisher große Unglaubwürdigkeit verschafft, weil einerseits die Befugnisse durch den Missbrauch des Urheberrechts diesen gar nicht weit genug gehen können und andererseits aber wieder der Mehrwertsteuersatz für E-Books dem der gedruckten Bücher angeglichen werden sollen, wo dies der Rechteverwerter-Industrie zum wirtschaftlichen Nachteil im grenzüberschreitenden Verkehr gereicht.

Doch was ist eigentlich ein E-Book genau? Technisch gesehen sind E-Books kaum mehr als Web-Dokumente, die zu einem Zip-Archiv zusammengepackt werden, damit sie auch offline und mobil gelesen werden können. Daher kann man sie wie andere Dateien auch unmöglich verleihen, sondern nur immer weiter vervielfältigen, sodass es dem jeweiligen Nutzer obliegt, wie er mit seiner Kopie umzugehen gedenkt. Es ist ferner keineswegs möglich, das Sperren oder Löschen des E-Books nach Ablauf einer Frist sicherzustellen oder insbesondere das Anfertigen von eigenen Kopien zu verhindern, denn wenn mit der heute üblichen Leihpraxis der Einsatz von DRM gemeint sein soll, was auf Verschlüsselung basiert, dann ist zum Lesen stets die Entschlüsselung erforderlich. Damit DRM überhaupt halbwegs funktionieren kann (vom analogen Abgriff mal abgesehen), muss besondere, künstlich beschränkte Hardware oder ein komplexes Software-System mit hoher Abhängigkeit (von einem Online-Server eines bestimmten Anbieters etwa) aufgefahren werden. Offenkundig sorgen diese Vorrichtungen dafür, dass Quellen nicht allgemein zugänglich werden oder bleiben und man sich nicht frei unterrichten kann, was auch gegen den Auftrag der Bibliotheken verstößt. Sollte Die Linke am Plan festhalten, die heute übliche Leihpraxis weiter zu etablieren, wird das Gegenteil von dem erreicht, was angeblich das Anliegen des Antrags ist. Im Moment ist der „Kauf“ eines E-Books genau genommen der Erwerb einer einfachen, sehr eingeschränkten Nutzungslizenz für eine E-Book-Datei, letztere wird quasi kostenlos zur Verfügung gestellt und ist nicht weiter von Bedeutung. Eine Grundregel der Digitalökonomie lautet, dass das Anfertigen einer Kopie nichts kostet und man daher auch keine Kopien mehr verkaufen kann, die Buchbranche ist aber noch genau in diesem Geschäft des Einzelexemplar-Verkaufs von digitalen Kopien und versucht, dieses überholte Geschäftsmodell unter Missbrauch des Urheberrechts noch ein wenig am Leben zu erhalten.

Aber wie würde unter digitalen Gegebenheiten eine Bibliothek aussehen müssen? Die Distribution und Bereitstellung von E-Books findet ihrer Art entsprechend im offenen Web statt, zu welchem jedermann gleichberechtigt Zugang haben soll. Bibliotheken brauchen keinesfalls jeweils eigene Verleihe für E-Books aufbauen, sondern es reicht völlig aus, eine zentrale Anlaufstelle für E-Books einzurichten, die zwecks Ausfallsicherheit ein paar Spiegelungen aufweisen dürfen. Im kommerziellen Bereich sind einige wenige E-Book-Anbieterplattformen längst die vorherrschende Bezugsquelle, so sollte analog dazu ein großer Bestand von den Bibliotheken zusammengetragen werden. Vor der allgemeinen Verfügbarkeit von Digitaltechnologie spielten die Bibliotheken eine wichtige Rolle dabei, den Zugang zu Wissen und Bildung an vielen einzelnen Orten zu gewährleisten. Heute ist der physische Zugang nur noch wichtig, wenn es um physische Gegenstände geht, denn online ist der Zugang zum gesamten Bestand allenorts gegeben, was durch offene Hard- und Software-Systeme sowie freier Lizenzierung oder zusätzlichen Schrankenbestimmungen zum Urheberrecht weiter gefördert werden kann. Die Bibliothek der Zukunft hat aber auch eine Reihe von ganz neuen Aufgaben, wenn man an die Digitalisierung, Aufbereitung, Kategorisierung, Erschließung und Bereitstellung denkt, wofür Werkzeuge entwickelt, Kompetenzen erworben und Angebote geschaffen werden müssen. Das privat getragene Internet Archive ist Vorbild dafür. Es wäre unerträglich, wenn hingenommen werden müsste, dass die Bibliothekstantiemen aufgestockt werden würden mit dem Effekt, dass die Nutzer hinterher weniger Zugang haben und in ihrer Nutzung weiter eingeschränkt werden würden, als dies bei einem kommerziellen Anbieter der Fall ist. Wenn Rechteverwerter mit Steuergeldern entschädigt werden, dann muss die freie Nutzung durch die zahlende Öffentlichkeit eingeräumt werden. Zweifelsohne haben die Rechteverwerter bereits deutlich gemacht, dass ihre Werke nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sein sollen, indem die Lizenzierung von E-Books abgelehnt oder nur zu nicht hinnehmbaren Konditionen (hoher Preis und viele Einschränkungen) angeboten wurde.

Wenn Die Linke ernsthaft an einer Verbesserung der Lage interessiert wäre, könnte sie

  • Self-Publishern die Aufnahme von E-Book-Titeln in den Online-Bibliotheksbestand ermöglichen, indem ein Rahmenvertrag ausgearbeitet sowie die Einreichung von Titeln direkt oder über einen Distributor vorgesehen wird.

  • Die Reduzierung der urheberrechtlichen Schutzfrist fordern, sodass Werke früher in die Gemeinfreiheit übergehen, von Bibliotheken bereitgestellt und von Nutzern frei verwendet werden können. Internationale Abkommen verhindern das wahrscheinlich.

  • Den Aufbau eines einheitlichen, zentralen Bestands anregen, der aus gemeinfreien und frei lizenzierten Werken besteht, sowie die Bereitstellung von Geldern für die Entwicklung von Software, Diensten und Angeboten fordern. Der Verleih bleibt kommerziellen Anbietern überlassen, wo sich die Rechteverwerter weigern, hinnehmbare Konditionen einzuräumen, denn Tantiemen dafür zu bezahlen, ist direkte Wirtschaftsförderung.

  • Neue, weitreichende Schrankenbestimmungen für das Urheberrecht auf den Weg bringen: die Vervielfältigung, Veränderung und Verbreitung von Werken mit praktischem Nutzen soll uneingeschränkt zulässig sein, bei Werken der Unterhaltung, Kunst oder Meinungsäußerung selbiges nur zu nicht-kommerziellen Zwecken. Ähnlich dem unglue.it-Projekt entscheiden die Nutzer mit, welche Werke von welchem Rechteverwerter freigekauft werden sollen.

Pressbooks (en)

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Pressbooks modifies WordPress via the plugin mechanism to become a book production suite. Unfortunately, it’s licensed under the GNU General Public License 2 because the WordPress code and plugin directory requires it, while that license is insufficient for code that runs on servers. It too has dependencies to proprietary software, namely PrinceXML for generating PDF files and Amazon KindleGen for generating MOBI files, where the MOBI format is also a proprietary format.

Its founder Hugh McGuire gave several talks about it: at the Books in Browsers conference 2011 he suspected that Amazon would adopt the EPUB standard more or less (4:16), which doesn’t seem likely because the whole point of the MOBI format is to create a vendor lock-in as Amazon can change the format at any time and update the firmware in the devices remotely or by force (he recognizes the effects of such silos in his talk at the Books in Browsers conference 2014), where at the same time Amazon takes EPUB files as input for their platform and uses HTML5 technology within MOBI. From 9:05 he describes a major issue of traditional publishers, which is maintaining separate workflows for separate end formats, effectively increasing production costs for no good reason other than technical ignorance. At 17:04 he answered a question about how traditional publishers should go about switching to XML-first workflows as they already have their old workflows in place and don’t want to spend money again for arriving at something that’s quite similar to their old workflow regarding the results. In the previous print-only world, things like manual DTP made sense because there wasn’t really another use to the result other than printing. With print, web and e-books one would save the need to develop two separate, additional workflows, and one can think of even more such like the use in databases et cetera. If the source files are output format agnostic (would be the case with semantic XML/XHTML), it’s comparatively easy and cheap to generate whatever new output format or use case comes along in the future.

At the Books in Browsers conference 2012 from 4:48 he compares offline webbooks with online webbooks, misleadingly calling the first “e-books”, but in fact e-books are webbooks, both terms are interchangeable and they only differ regarding the current state of connectivity. Any e-book can be uploaded to become a webbook, and any webbook (website) can be packaged to an e-book for offline reading or to transfer it to a different location on the web. If copy & paste isn’t possible on a device or in some software, that’s only because it isn’t built into it. There’s no reason why it shouldn’t. He also announced in this talk that the Pressbooks software will get released under a free license (16:29).

At the Books in Browsers conference 2013 he spoke about technical details of the automatic generation of print layouts, in particular about CSS for print layout definition.

Update: PrinceXML is now replaced by mpdf (freely licensed, unfortunately only GNU GPLv2), therefore Pressbooks could be a freely licensed package now.

Pressbooks (de)

Den Text als EPUB herunterladen, via PDF ausdrucken oder zur englischen Übersetzung wechseln. Copyright (C) 2015 Stephan Kreutzer, lizenziert unter der GNU Affero General Public License 3 or any later version, siehe auch die Quelldateien.

Pressbooks modifiziert WordPress mithilfe des Plugin-Mechanismus mit dem Ergebnis einer Buchproduktions-Suite. Leider ist die Software unter der GNU General Public License 2 lizenziert, wohl, weil der WordPress-Code und das Plugin-Directory dies verlangen, während die Lizenz unbrauchbar ist für Code, der auf Servern ausgeführt wird. Außerdem ist es abhängig von proprietärer Software, namentlich PrinceXML zum Generieren von PDF-Dateien und Amazon KindleGen zum Generieren von MOBI-Dateien, wobei das MOBI-Format ein proprietäres Format ist.

Der Initiator Hugh McGuire hat mehrere Vorträge darüber gehalten: zur Books-in-Browsers-Konferenz 2011 mutmaßte er, dass Amazon mehr oder weniger zum EPUB-Standard übergehen würde, was nicht gerade wahrscheinlich ist, weil die einzigste Existenzberechtigung für das MOBI-Format darin besteht, einen Lock-in-Effekt hervorzurufen, indem Amazon das Format jederzeit ändern und die Firmware in den Geräten automatisch oder per Zwang aktualisieren kann (in seinem Vortrag auf der Books-in-Browsers-Konferenz 2014 erkennt er die Folgen solcher Silo-Bildung an), während Amazon gleichzeitig EPUB-Dateien als Eingabeformat für ihre Plattform entgegennimmt und in MOBI intern HTML5-Technologie einsetzt. Ab 9:05 beschreibt er eine der größeren Schwierigkeiten der traditionellen Verlage, die darin besteht, separate Workflows für die verschiedenen Zielformate zu betreiben, was letztendlich die Produktionskosten erhöht ohne vernünftigen Grund außer der Gleichgültigkeit gegenüber technischen Zusammenhängen. Um 17:04 beantwortete er eine Frage, in welcher es darum ging, wie klassische Verlage zu XML-First-Workflows wechseln sollten, während deren alte Workflows vorhanden sind und sie kein Geld dafür ausgeben möchten, am Ende lediglich zu Ergebnissen zu gelangen, die sich nicht großartig von den bisherigen Ergebnissen der alten Workflows unterscheiden. In der ehemaligen Print-Welt hat manueller DTP-Handsatz Sinn gemacht, weil keine andere Verwendungsmöglichkeit außer dem Druck vorhanden war. Mit dem Druck, dem Web und E-Books würde man es sich sparen wollen, zwei zusätzliche, eigenständige Workflows dafür aufsetzen zu müssen, und es sind ja auch noch weitere Nutzungen denkbar wie zum Beispiel in Datenbanken und so weiter. Wenn die Quelldateien formatagnostisch vorliegen (was der Fall wäre mit semantischem XML/XHTML), ist es vergleichsweise einfach und kostengünstig, beliebige Ausgabe-Formate daraus zu erzeugen, die in der Zukunft noch aufkommen sollten.

Auf der Books-in-Browsers-Konferenz 2012 von 4:48 an vergleicht er Offline-Webbooks mit Online-Webbooks, erstere missverständlicherweise „E-Books“ nennend, wobei E-Books schließlich auch Webbooks sind, beide Begriffe austauschbar sind und sich nur im Grad der Konnektivität voneinander unterscheiden. Jedes E-Book kann irgendwo hochgeladen werden, um ein Webbook zu werden, und jedes Webbook (eine Webseite) kann zu einem E-Book verpackt werden zwecks Offline-Lesung oder um zu einem anderen Ort im Web transferiert zu werden. Wenn Copy & Paste nicht möglich ist bei einem Gerät oder in einer Software, dann nur, weil diese Funktion nicht eingebaut wurde. Es gibt keinen Grund, warum sie nicht eingebaut sein sollte. Er gab außerdem bekannt, dass die Pressbooks-Software unter freier Lizenz veröffentlicht werden würde (16:29).

Auf der Books-in-Browsers-Konferenz 2013 hat er über technische Details beim automatischen Erzeugen eines Print-Layouts gesprochen, konkret bezogen auf CSS zwecks Print-Layoutgestaltung.

Update: PrinceXML konnte durch mpdf ersetzt werden (frei lizenziert, unglücklicherweise wieder nur unter GNU GPLv2), dementsprechend könnte Pressbooks nun eine frei lizenzierte Software-Komponente sein.

Eine Frage der Neutralität

Der Streit zwischen Amazon und Hachette wurde erst kürzlich bis auf Weiteres ausgesetzt, und schon hat auch die Beschäftigung mit dem zugrundeliegenden Problem aufgehört. Wann der Konflikt wieder aufflammt und wer sich dann in der Hauptrolle wiederfinden wird, ist dabei eher nebensächlich, denn schon im Hachette-Fall stellt sich doch die Frage: wie konnte es überhaupt so weit kommen?

In der Buchbranche gibt es seit jeher das Konzept der Zweiteilung. Wo anfangs Verlage ihre Bücher noch selbst vertrieben haben, bedeutete dies aufgrund der weiten örtlichen Verstreuung des Publikums eine schlechte Versorgung mit neuen Titeln. Der Buchhandel als Distributions-Spezialisierung löste dieses Problem, musste aber auch in einer Vielfalt erhalten werden, damit die Verfügbarkeit einer Publikation über die Konkurrenz sichergestellt werden konnte, falls ein Händler die Aufnahme ins Sortiment verweigern sollte und die Verlage auch nicht erpressbar waren durch eine Konzentration des Zugangs zu Publikum.

Mit dem Internet hat sich all dies geändert, aber nicht grundsätzlich, sondern historisch gesehen. Zweifellos treibt Digitaltechnologie infolge ihrer enormen Interoperabilität Zentralisierungsprozesse voran, was aber keineswegs schlecht ist, sondern mannigfaltige Vorteile hervorbringt. Die Verlage haben erst im Versandbuchhandel und dann für E-Books entschieden, dass sie um der schnellen Mark willen die Zweiteilung aufgeben und den herkömmlichen Buchhandel aufopfern wollen, indem sie ihre Titel fleißig zu Amazon getragen haben und beinahe auch zu Google getragen hätten, bei E-Books dann später auch zu Apple und in Deutschland kann man auch die Tolino-Allianz dazurechnen. Diese Distributoren verfügen infolge ausgeklügelter Logistik und künstlichem technischen Protektionismus über eine enorme Konzentration des Zugangs zu Publikum, der alte Buchhandel kann höchstens stationär noch mithalten.

Und nun stellt sich völlig überraschend (?) heraus, dass diese zentralisierten Plattformen in Ermangelung von ernsthafter Konkurrenz sich nicht nur mit ihrer Rolle als Distributor begnügen, stattdessen vielmehr selbst ins Content-Geschäft einsteigen wollen und können. Die großen Player können es sich leisten, den einen Verlag zu bevorzugen und den anderen zu benachteiligen, und zwar abhängig davon, wie ergiebig die Bedingungen in einem Vertragswerk ausfallen. Und nicht nur das, nach dem alten Buchhandel kann künftig auch das alte Verlagswesen ausgebootet werden, indem nämlich Autoren Verlags- und Distributionsdienstleistungen aus eigenem Hause angeboten werden.

Nichts an diesen Effekten ist neu, auf anderen Gebieten toben längst ähnliche Kämpfe. Man denke an Microsoft vs. Netscape oder Comcast vs. Netflix, wo stets ein Betreiber von essentieller Infrastruktur rein zufällig (?) sich dafür zu interessieren beginnt, wer denn was genau mit der Infrastruktur anstellt, um dann zwecks eigener Vorteilsnahme in das Geschehen einzugreifen, anstatt Neutralität zu wahren und die konzeptionelle Trennung aufrecht zu erhalten. Sobald ein Betreiber von technischer Infrastruktur mit eigenen Angeboten ins Content-Geschäft einsteigt und damit zu anderen Content-Anbietern, die dessen Infrastruktur nutzen, in Konkurrenz tritt, muss davon ausgegangen werden, dass die Hoheit über den Infrastrukturbetrieb dazu ausgenutzt werden kann, die Content-Konkurrenz zu benachteiligen.

Wie ernst die Situation für die Buchbranche ist, hat sich nicht zuletzt daran gezeigt, dass sich Hachette nur mit großer Mühe hat wehren können, dass eine Auslistung keine Option mehr zu sein scheint. Dass der alte Buchhandel im Versand und Online-Bereich Boden behaupten geschweige denn gutmachen kann, ist eher unwahrscheinlich, wenn auch wettbewerbs- und kartellrechtliche Gründe ihm sicher die Domäne des stationären Handels lassen werden. Somit bedarf es nun also eigentlich eines neutralen Infrastrukturbetreibers, eines “Common Carriers”, der ohne eigenem Interesse am Content-Geschäft eine neutrale Plattform für textorientierte Digitalwirtschaft betreibt, was von der alten Buchbranche aber nur wenig gefordert noch gefördert zu werden scheint. So gibt es nun log.os und #altbookstore, aber globaler betrachtet muss die Hardware, gegenwärtig wohl am ehesten in Form von Smartphones und Tablets contentindifferenter Hersteller, mit der Software (in dem Fall dem Web) zusammengebracht werden, um darauf aufbauend dann Dienstleistungen und Transaktionen abwickeln zu können, an denen gut und gerne auch die alte Buchbranche mitwirken kann.

Beiträge und Weiterentwicklung des Textes erwünscht. Copyright (C) 2015 Stephan Kreutzer, lizenziert unter der GNU Affero General Public License 3 or any later version.

Buchpreisbindung versus E-Books

Dieser Beitrag ist ein Entwurf für die „Kommentare zum Literaturbetrieb in Zeiten der Digitalisierung“, an dem hier (auch kollaborativ) gearbeitet wird. Er ist weder vollständig noch abgeschlossen. Anlass für die Auseinandersetzung war eine Umfrage auf lesen.net. Den Text als EPUB herunterladen oder via PDF ausdrucken. Copyright (C) 2014-2015 Stephan Kreutzer, lizenziert unter der GNU Affero General Public License 3 or any later version.

In Deutschland gibt es eine sogenannte „Buchpreisbindung“, welche eine staatliche Regulierung des Buchhandels darstellt. Das Buchpreisbindungsgesetz liefert die rechtliche Grundlage dafür und besagt, dass Buchhändler einen Buchtitel für eine Zeitspanne von 18 Monaten ab Erscheinen ausschließlich zu demjenigen Preis an Endkunden abgeben dürfen, welchen der Verlag festgelegt hat, was dazu führt, dass ein Titel bei allen Buchhändlern gleich viel kostet. Der Verlag kann den Preis innerhalb der 18 Monate beliebig oft neu festsetzen, den dann sämtliche Buchhändler unverändert an den Endkunden weitergeben müssen. Ein Buchhändler darf also nicht einfach den Preis erhöhen, um mehr Gewinn zu erwirtschaften oder Kostendeckung zu erreichen, sondern kann sich nur entscheiden, den Titel zum festgelegten Preis ins Sortiment aufzunehmen oder nicht. Ebenso darf der Preis nicht gemindert werden, um die Konkurrenz zu unterbieten.

Die Buchpreisbindung ist ein Instrument, um eine Vielfalt an Buchhändlern auf dem Buchmarkt zu erhalten. Diese Vielfalt ist wichtig, um eine Verödung des Literaturangebots zu verhindern. Wenn es in Deutschland nur ein paar große Buchhandelsketten gäbe und deren Filialen in den Städten die einzigste Anlaufstelle für den Erwerb von Büchern wären, würde das Angebot zunehmend auf die kommerziell erfolgreichsten Titel begrenzt werden, während kleine, unabhängige Buchhandlungen über strategisches Preisdumping in den Konkurs getrieben werden würden. Mit der Preisbindung macht es für den Endkunden keinen preislichen Unterschied, ob in der Buchhandelsketten-Filiale oder in der unabhängigen Buchhandlung eingekauft wird, sodass die Wahl des Buchhändlers bei einem Kauf anhand anderer Kriterien getroffen werden muss als dem Kriterium des Preises. Es gelingt den großen Ketten nicht, Kundschaft durch stets niedrigere Preise abzuwerben und so die unabhängigen Buchhändler schlussendlich ganz zu verdrängen. Auch wenn diese Regelung den meisten Kunden nicht bekannt ist und es noch zahlreiche weitere Effekte gibt, die bei der Wahl des Verkäufers eine Rolle spielen, so obliegt es doch primär dem Geschick des Händlers, die Kundschaft in den eigenen Laden zu locken, damit derselbe Titel nicht bei der Konkurrenz gegenüber erworben wird. Obwohl die einheitliche Bepreisung natürlich nur da von Bedeutung ist, wo sowohl die Filiale der großen Buchhandelskette als auch der kleine Buchhändler denselben Titel an den Kunden bringen möchten, bei an sich unterschiedlichen Sortimenten also nur dort eine Rolle spielt, wo ohnehin Übereinstimmung besteht, so ist doch die berechtigte Hoffnung, dass der Kunde im Laden auch die anderen ausgewählten, eventuell sehr spezialisierten Titel bemerkt, welche die zu schützende Vielfalt darstellen, für welche es also möglichst vieler unterschiedlicher Sortimente bedarf, die in möglichst vielen unterschiedlichen Buchläden nebeneinander koexistieren können sollen. Genau dafür sorgt die Buchpreisbindung, und zwar nicht ohne Erfolg.

Größtes Interesse an der Existenz einer Buchpreisbindung hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, in dem neben Buchhändlern, die nicht durch Preisdumping aus dem Geschäft gedrängt werden möchten, auch Verlage organisiert sind, die ein Preisdiktat durch einen Buchhandels-Monopolisten und damit um den Zugang zum Publikum fürchten müssen. Weil die Exekutive besseres zu tun hat, als die Einhaltung der Preisbindung zu kontrollieren, gibt es mehrere Verbände, die im Auftrag von Verlagen und Buchhändlern Verstöße gegen selbige erst abmahnen und im Zweifel auch zur Anzeige bringen.

Dieses Konzept geht auf, solange es um gedruckte Bücher geht, die der physisch bedingten Knappheit unterliegen und in einem örtlichen Ladengeschäft zum Verkauf angeboten werden. Auf E-Books angewendet ist die Buchpreisbindung nicht nur unglaubwürdig, sie verfehlt nicht nur ihren Zweck, nein, sie richtet sogar einen gewissen Schaden an. Nun hat sich aber leider der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in die Ansicht hineingesteigert, dass die Buchpreisbindung auch für E-Books gelten müsse. Rechtlich ist diese Position nicht zu beanstanden, da E-Books durchaus als Erzeugnisse betrachtet werden können, die gedruckte Bücher substituieren. Ganz wie beim dringend reformbedürftigen Urheberrecht auch wird eine entsprechende Klausel dafür heute einfach auf den neuen, gänzlich andersartigen digitalen Kontext angewendet, mit geradezu verheerenden Konsequenzen für die Brauchbarkeit des betroffenen Gesetzes.

Eine Reihe von praktischen Schwierigkeiten für die Buchpreisbindung liegen im Wesen des E-Books begründet. So kann die Buchpreisbindung ohne Weiteres ausgehebelt werden, indem man einfach eine andere „Ausgabe“ des E-Books herausgibt, für welche ein eigener Preis festgelegt werden darf und muss, der dann für alle Händler, die diese Ausgabe distributieren, verbindlich ist. Mithilfe von Software kann man Ausstattung und Inhalt in ausreichendem Umfang variieren, dass ein Gericht vermutlich den Grad der Andersartigkeit als Grundlage für einen eigenen Preis akzeptieren könnte. Weil bei gedruckten Büchern eine unterschiedliche Ausstattung unterschiedliche Kosten verursacht (Taschenbuch und illuminierte Ledereinband-Goldschnitt-Ausgabe sollten nicht gerade denselben Preis haben müssen), ist es nur logisch, dass der Verlag einen jeweils eigenen Preis festlegen darf. Auch bei E-Books können bebilderte Ausgaben sowie zusätzliche Texte oder deren besondere Zusammenstellung und Gestaltung zu unterschiedlichen Kosten führen. Zwar können, wenn die E-Books per Software automatisch generiert werden, gleich viel in der Herstellung gekostet haben, obwohl sie sich sehr voneinander unterscheiden, weil aber das automatisch generierte Ergebnis nicht von einem manuell hergestellten Ergebnis zu unterscheiden ist, müsste ein Gericht den konkreten Entstehungsprozess einer E-Book-Ausgabe untersuchen, wenn die Kosten als Grundlage für einen eigenen Preis herangezogen werden sollen. Weil dies eine rein künstliche Festlegung wäre, sollte eine solche Entscheidung wohl bedacht werden, weil dann nämlich manche E-Book-Ausgaben einer Buchpreisbindung unterliegen würden und andere nicht, ohne dass ein prinzipieller Unterschied erkennbar wäre. Es wäre allerdings zu erwarten, dass die Ausgaben aus klassischer Verlagsproduktion tendenziell eher mit eigenem Preis versehen werden dürften, bei den Verlagen neuen Typs und Self-Publishern hingegen beide Varianten anzutreffen wären. Für E-Book-Distributoren würde das bedeuten, dass E-Books völlig unterschiedlichen Inhalts, Umfangs und ohne erkennbare visuelle Gemeinsamkeiten zu demselben Preis abgegeben werden müssen, welche der Kunde in manchen Fällen als kaum gerechtfertigt ansehen könnte, und das umso mehr, als dieser die Ausgabe selbst und individuell zusammengestellt hat. Auch dürften die Verlage sich einiges einfallen lassen bei der Preisfindung für sämtliche Ausgaben, die aus der Software-Generierung hervorgehen könnten. Die Vielfalt der E-Book-Händler sichert das keineswegs, weil sich gewiefte Teilnehmer in Handarbeit eine billigere Ausgabe als die Konkurrenz produzieren lassen könnten. Dass E-Books natürlich auch druckbar sind und sich auch vor Ort in der lokalen Buchhandlung, wenn schon vorerst noch nicht durch eine Espresso Book Machine, dann doch infolge zunehmender Anbindung von Print-on-Demand-Dienstleistern, gedruckte und elektronische Titel mit ihren gebundenen Preisen gegenseitig in die Quere kommen, findet bisher noch überhaupt keine Berücksichtigung, zumal auch die klassische Rollenaufteilung von Autor, Verlag und Buchhändler längst in der Auflösung begriffen ist.

Aber wie sieht digitaler Buchhandel überhaupt aus? Es wäre ja offenkundig fahrlässig, anzunehmen, dass sich der Offline-Buchhandel einfach nur online ganz genauso fortsetzt. Im Web braucht es nicht für jede Ortschaft einen eigenen Buchladen, sondern Buchhändler unterhalten eine einzige Online-Präsenz oder einen E-Book-Shop oder beides. Die Kunden sind nicht auf die Buchhandlungen ihres örtlichen Einzugsgebiets begrenzt, sondern haben im gesamten globalen Netz jederzeit Zugang zu sämtlichen Händlern. Was bedeutet Vielfalt in diesem Zusammenhang eigentlich? Sicher kann nicht eine Vielzahl von Online-Shops gemeint sein, denn online ist der Zugang zu einem vielfältigen Angebot nicht von der Menge der Händler abhängig. In der physischen Welt sind Regalmeter und Verkaufsfläche begrenzt, auf einer Webseite ist der Platz für die Präsentation von Produkten unbegrenzt. Sowie eine Vielzahl von Vollsortimentern keinen Vorteil mit sich bringt, so wenig brauchen kleine Online-Buchhändler mit einem Vollsortimenter mit dem Ziel des Erhalts von Vielfalt konkurrieren. Und nicht allein das: wo die Platz-Begrenzung eines gedruckten Katalogs den endlosen Weiten einer Webseite weicht, ist der Versand von gedruckten Büchern und die Distribution von E-Books mittlerweile eine Frage der zentralisierten, hochoptimierten Logistik geworden, wo ein Vollsortiment-Überbau die Vielfalt sichert und die Konkurrenz nur noch uneffektive Redundanz hervorbringen kann. Während einerseits das Web jedermann den Zugang zu einem Publikum eröffnet und quasi, solange es neutral, offen und frei bleibt, ein Garant für Vielfalt ist (neue Konkurrenz entsteht ständig und überall), wären andererseits die Investitionen immens, die zu tätigen wären, um selbst zum Vollsortimenter zu werden. Auch die technische Komplexität eines hinreichend guten Online-Shops oder die … eines genügend großen Publikums kann erhebliche Kosten verursachen. Darum treten viele kleinere Buchhändler nicht mit eigener technischer Infrastruktur an, sondern bedienen sich eines gebrandeten Fremdsystems. Und daran zeigt sich unter anderem, dass ein Online-Buchhändler längst keine Bücher mehr verkauft, sondern stattdessen ein Software-Dienstleister ist.